Die Bestimmung des eigenen Standorts

Mentale Navigation in eigener Verantwortung

Auf der Bühne des Lebens

Haben Sie sich auch schon manchmal gefragt, ob Sie im falschen Film sind, wenn Sie einer Lebenssituation gegenüberstanden, die Sie so nie erwartet hätten, und Sie deshalb total irritiert sind?

Realistischer ist noch die Metapher eines Schauspiels. Stellen Sie sich vor, Sie wirken in einem Schauspiel mit. Die Bühne ist die Bühne des Lebens, auf der Sie in unterschiedlichen Aufführungen von Theaterstücken, in deren unterschiedlichen Szenarien, unterschiedliche Rollen übernehmen. Da Sie schon eine Weile im Leben stehen und fleißig „Leben“ geübt haben, wissen sie in der Regel ganz genau was gespielt wird. Sie haben schließlich ihre lebenslange Lebenserfahrung, auf die Sie zurückgreifen können! Aber es gibt auch Ausnahmen. Manchmal haben Sie Erwartungen an das, was gespielt wird, die sich nicht erfüllen. Sie befinden sich plötzlich in einem Szenario, das Ihnen neu vorkommt, weil es nicht zu Ihrem üblichen Repertoire gehört. Aus einer Aufführung auf der Bühne des Lebens können Sie aber nicht aussteigen, sondern müssen sozusagen eine gute Miene zu bösen Spiel machen. Dann versuchen Sie zu improvisieren indem Sie auf Ihre Ressourcen als Schauspieler zurückgreifen

Die Metapher des Schauspiels eignet sich gut, um Ihren aktuellen Standort im Leben zu erkennen. Wenn Sie das, was Sie erleben, besser verstehen wollen, dann empfehle ich Ihnen, diese Metapher zu benutzen und so zu tun, als ob Sie als Schauspieler im Szenario eines Theaterstücks eine Rolle spielen würden, die Sie selbst gewählt haben, weil Sie dafür ein Motiv hatten.

Selbsterkenntnis

Der Grund, weshalb ich Ihnen diesen Weg empfehle, ist der, dass Sie auf diese Weise, erfahren können, wie Sie sich in der Welt und im Leben positionieren, wo ihr kognitiver Standort ist, von dem aus, Sie ihr Leben bestimmen.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Sie bestimmen, welches Theaterstück gerade gespielt wird, in welchem Szenario Sie sich gerade befinden, welche Rolle Sie darin spielen und welches Motiv Sie haben, gerade diese Rolle in diesem Szenario zu spielen! 

Sie mögen das als Realität erleben, nehmen Ihre Gefühle wahr und reagieren, wie Sie glauben, mit der Situation am besten umgehen zu können. Sie kennen das bis jetzt vielleicht gar nicht anders und sind deshalb davon überzeugt, dass es dazu keine Alternative gibt?

Aber diese Überzeugungen stammen aus der Vergangenheit Ihrer Lerngeschichte und haben erst einmal nichts mit der Gegenwart zu tun, außer dass Sie wie ein Filter wirken, der aus dem szenarischen Geschehen eine bestimmte Bedeutung herausfiltert. 

Sie sind aber deshalb keine Ausnahme. Es geht nicht nur Ihnen, sondern jedem Menschen so! Jeder nimmt dieselbe Situation anders wahr, weil jeder eine individuell einzigartige Lerngeschichte hat und deshalb jeder in seiner eigenen Welt lebt. Aber wenn wir gleichzeitig davon überzeugt sind, dass wir alle gemeinsam in einer objektiv vorhandenen Welt leben, dann kann nach dieser Vorstellung nur eine der vorhandenen Sichtweise richtig sein.

Auf dem Weg zur Sozialen Innovation

Wir bleiben also im Dilemma der Beurteilung von ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ gefangen! Es sei denn, unser Bewusstsein würden uns in die Lage versetzen, in unsere Beurteilung mit einzubeziehen, dass wir alle Filter benutzen, die nur manche Aspekte durchlassen, andere aber ausblenden. Dann wüssten wir wenigstens, das jeder immer nur bestimmte Aspekte einer Situation wahrnimmt und keiner das Ganze sehen kann. Auseinandersetzungen darüber, wer mit seiner Sichtweise recht hätte, würden sich dann erübrigen. Erst das Zusammenfügen aller einzelnen Sichtweisen zu einer in sich stimmigen Gesamtsicht, die für alle Beteiligten auch aus ihrer Perspektive einen Sinn ergäbe, würde eine gemeinsam akzeptierten Realität ermöglichen. Eine solche Erkenntnis wäre ein erster Schritt zu einer Sozialen Innovation. Der Fokus der Sozialen Innovation ist ein anderer. Es geht nicht mehr darum, wer recht hat, sondern darum, welchen Beitrag jeder dazu leisten kann, dass alle Beteiligten der gemeinsam erstellten Gesamtsicht auch aus ihrer Perspektive einen Sinn geben kann. Das ist das Ergebnis eines gemeinsamen Lernprozesses, bei dem jeder für seinen Beitrag die Verantwortung übernimmt.

Der Kern der Mentalen Navigation ist, zu erkennen, welche Bausteine verwendet und wie diese zum Aufbau der Filter eingesetzt werden. Im Grunde geht es darum, die menschlichen Fähigkeiten des Denkens, Wollens und Fühlens in den drei Perspektiven Ich, Du und Wir in soziale Fertigkeiten zu verwandeln. Mit diesen insgesamt neun Fertigkeiten erzeugen wir durch interaktives Beeinflussen und Beeinfflusst-Werden gemeinsam unsere soziale Realität, die dann jeder durch das Filter seines Bewusstseins wiederum subjektiv unterschiedlich deutet.

Die engpasskonzentrierte Strategie

Wenn in unserem Leben, sei es beruflich oder privat, alles einwandfrei läuft, dann gibt es für niemanden einen Grund etwas daran zu ändern, denn das Hauptziel eines jeden Menschen ist, physisch und psychisch zu überleben. Wenn es nicht so läuft, wie wir es erwarten, dann sollten wir daran aber etwas verändern. Die Frage ist nur: was? Die evolutionär entstandenen Stressreaktionen sind Kampf, Flucht oder Tot-stellen. Das gilt sinngemäß auch für die Aufrechterhaltung unserer Identität, bzw. das, was wir aus den Erfahrungen unserer Lerngeschichte dafür halten. Themen, die uns immer wieder von neuem beschäftigen, sind ein sicheres Anzeichen dafür, dass wir ein Lebensthema noch nicht befriedigend für uns gelöst haben. Wenn es wieder einmal aktuell wird, leiden wir darunter. Zwar haben wir gelernt dieses Leid auf irgendeine Art und Weise zu kompensieren. Aber das schützt uns nicht nachhaltig davor, dass es doch immer wieder von neuem auftritt. Wir konnten die Ursache noch nicht erkennen und deshalb auch nicht beseitigen.

Einer der Gründe für die fehlende Erkenntnis ist, dass sich das Thema als typisches Muster immer wieder in unterschiedlichen Szenarien auf unterschiedliche Weise zeigt und wir mit einem für uns typischen Verhaltensmuster ganz automatisch darauf reagieren, so dass die Zusammenhänge gar nicht erst in unser Bewusstsein gelangen!

Es stellt sich daher durchaus die Frage, ob nicht genau unsere automatische Lösung das Problem ist? Wenn wir da heraus wollen, dürfen wir nicht alle Erfahrungen mit diesem Thema in einen Topf werfen, um nach Gründen zu suchen, die uns beweisen, dass wir gar keine Chance hatten, dem Leid zu entkommen. Stattdessen müssen wir eines der konkret erlebten Szenarien auswählen und es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Die Standortbestimmung

Neun Fragen reichen aus, um das individuelle Wahrnehmungs-, Verhaltens- und Erlebens-Muster in einem konkret erlebten Szenario beschreiben zu können, mit dem sich das Sozialverhalten eines jeden Menschen erklären lässt:

Aspekte der Erwartung

  • Outcome des Szenarios
    Welchen Outcome des Szenarios erwarte ich? 
Wie könnte ich diesen als Überschrift formulieren?
  • Kohärenz
    Welche Gefühle habe ich in Bezug zum Outcome
  • Performanz
    Wodurch trage ich zum Outcome bei?
    Welche meiner Fähigkeiten setze ich als Performanz ein?

Aspekte der Identität

  • Rolle
    Wie sehe ich meine Rolle im Szenario?
  • Souveränität
    Welche Gefühle habe ich in Bezug auf meine Rolle?
  • Auftreten
    Mit welcher Haltung trete ich in meiner Rolle auf?

Aspekte der Beziehung zwischen Erwartung und Identität

  • Motiv
    Was ist mein Motiv, gerade diese Rolle in diesem Szenario zu spielen?
  • Nachhaltigkeit
    Welche Gefühle habe ich in Bezug auf mein Motiv?
  • Fokus
    Auf was fokussiere ich, damit ich weiter motiviert bleibe? 
An was orientiere ich mich dabei?

Solange wir unser Antworten, die wir auf die gestellten Fragen spontan finden, einzeln betrachten, gelangen wir insgesamt noch zu keinen neuen Einsichten. Es sei den, wir entdecken, dass wir uns manche Fragen vorher noch gar nicht gestellt hatten. Wir müssen daher jede Antwort im Gesamtzusammenhang des Szenarios betrachten, inwiefern sie zum Verständnis des Geschehens beitragen. Gegebenenfalls müssen wir Anpassungen vornehmen und die Antworten so umformulieren, damit sich schlussendlich für uns ein in sich stimmiges Gesamtbild ergibt.
Durch diese Vorgehensweise gelangen wir auf eine Metaebene der Beobachtung. Wir beobachten uns dabei, wie wir beobachten. Unsere Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen bekommen einen anderen Sinn, wenn wir uns als Akteur auf der Bühne des Lebens in unsere Beobachtung mit einbeziehen. Wir sind dann Akteur und Zuschauer zugleich und gewinnen dadurch ein erweitertes Verständnis für unseren kognitiven Standort im Leben.